
In Urs Widmers letztem Werk, dem Musiktheater »Föhn«, für das Fortunat Frölich die Musik schrieb, lässt der Föhn die »Glocken der Kirche läuten, ohne dass einer am Seil zöge«. Zehn Jahre später schreibt Fortunat Frölich an einem Musikstück, bei dem Glocken im Mittelpunkt stehen. Und dabei stehen sie nicht nur für den Ruf in die Kirche, zur Hochzeit oder Taufe, sondern er will ihnen ebenfalls Unheimliches abgewinnen, aus ähnlichen Gründen wie Urs Widmer, aber auf andere Weise.
In wenigen Stunden wird er nach Kapstadt, Südafrika, fliegen. Nun sitzt der Komponist und Musiker Fortunat Frölich bei strahlendem Wetter auf der Dachterrasse zwischen Zürcher Central und Schaffhauserplatz. Es ist Mitte Juni. Von hier aus schweift der Blick vom See über die Hausdächer, die Kirchtürme und den Üetliberg bis ins Limmattal. Von unten hört man die gedämpften Geräusche der Autos und Trams, die lauten Sirenen der Krankenwagen auf dem Weg ins nahe gelegene Universitätsspital, von oben rattert der Rotor eines Helikopters, rufen die Krähen – und plötzlich zwei Glockenschläge. Es ist halb elf Uhr morgens. Die Glockenschläge wären nicht aufgefallen, hätte Fortunat Frölich nicht zuvor von seinem Werk »Zurich, Saturday, seven pm« erzählt, an dem er gerade arbeitet. Sein Wunsch wäre es, dass das Tonhalle-Orchester das Stück uraufführt.
Dass am Samstagabend von 19.00 bis 19.15 Uhr in der Stadt Zürich alle Kirchenglocken läuten – wer weiß es, wem ist es bewusst? In der Städtischen Läuteordnung, Art. 3.1, steht: »An den Vorabenden von Sonn- und Festtagen wird in allen Kirchen mit sämtlichen Glocken geläutet. Dieses Geläute beginnt um 19 Uhr und dauert eine Viertelstunde.« Fortunat Frölich erinnert sich daran, wie seine Mutter früher während dieser Zeit auf die Terrasse stieg oder in der Stadt etwas spazieren ging.
Glocken sind immer wieder Gegenstand von Kunstwerken, auch in der nahen Vergangenheit Zürichs. So etwa bei der Eröffnung des Erweiterungsbaus des Kunsthauses Zürich im April 2021. William Forsythe hängte Kirchenglocken an Holzkonstruktionen in den noch leeren Räumen auf und ließ sie erklingen. Zu seiner Installation sagte der Künstler im Gespräch mit der »NZZ«: Die Glocken »rufen zur Hochzeit, zur Taufe, zur Beerdigung, zu allen wichtigen Momenten im Leben«. Er weist aber auch darauf hin: »Im Zweiten Weltkrieg haben die Deutschen Glocken eingeschmolzen, um Rohstoffe für die Herstellung von Waffen zu gewinnen.« Im Rahmen des Musikfestivals Taktlos dämpfte der Perkussionist und Glockenkünstler Peter Conradin Zumthor für zwei Wochen bis zum Karfreitag 2024 die Glocken sämtlicher Zürcher Altstadtkirchen. Er wollte darauf hinweisen, dass nicht alles immer laut sein muss, aber auch mit einer ungewohnten Hörerfahrung irritieren.
Fortunat Frölich weiß von den beiden Werken. Für ihn sind Glocken »eine unglaubliche Erfindung. Eine Kirchenglocke hat eine Wucht, nur schon die Manifestation des Materials, die Tonnen, die in der Luft hängen und in Schwingung gebracht werden.« Es gibt bei ihm zwei Erlebnisse, die mitunter Ursprung der Idee für die Komposition sind. »Man begreift die Heimat ja manchmal erst, wenn man fern von ihr ist. Ich habe zwei Jahre lang in der DDR studiert, wo man die Glocken quasi abmontiert hat. Dort habe ich nie eine Glocke gehört. Erst da ist mir aufgefallen, welche Präsenz sie bei uns in der Schweiz haben. Zudem habe ich insgesamt rund zwei Jahre im arabischen Raum gelebt, wo der Muezzin fünfmal täglich zu hören ist. Und es muss jemandem, der an einem Ort ohne Glocken aufgewachsen ist, in der Schweiz ähnlich ergehen, wie es mir in Marokko erging: Am Anfang fand ich den Ruf des Geistlichen schön und außergewöhnlich. Mit der Zeit ging es mir auf die Nerven. Die Glockenschläge oder der Ruf des Muezzins können aber eben auch so etwas wie Heimat sein.«
Und wie die Glocken in christlichen Ländern zum Alltag gehören, gehört der Föhn zur alpinen Welt und zu den Alpenländern. Der Föhn wird geliebt, aber auch gefürchtet. Fortunat Frölich schrieb vor etwas mehr als zehn Jahren die Musik zum Musiktheater »Föhn – ein Mythos in Wort und Musik«, dem letzten Werk des Schriftstellers Urs Widmer, das am 16. September 2014 im Theater Basel Premiere feierte – fünf Monate nach Widmers Tod. Im Stück macht der Föhn die Bergleute ganz »sturm« im Kopf, löst Feuer aus und lässt die »Glocken der Kirche läuten, ohne dass einer am Seil zöge«.
In der Zwischenzeit hatte Fortunat Frölich dank Stipendien die Möglichkeit, unter anderem im Dezember 2019 bis März 2020 in Indien und 2022 in China zu komponieren. Ob die ungewohnten Umgebungen einen konkreten Einfluss auf seine Arbeit haben, darüber ist er sich nicht sicher. Denn wenn er eine angefangene Komposition mitnimmt und an ihr arbeitet, dann wurden schon einige grundsätzliche Entscheidungen getroffen wie z.B. die Besetzung des Orchesters. Man wisse aber natürlich nie, weshalb man beim Komponieren auf eine Idee komme oder weshalb er sich aus den unzähligen Möglichkeiten der Töne für diesen und nicht jenen entscheide.
Was aber ganz konkret Einfluss auf seine Arbeit als Musiker und Komponist hat, war die Zusammenarbeit mit den Musikern aus Indien. In Chennai lernte er drei junge Komponisten kennen, und sie gründeten das Projekt »Composing in Dialogue«, das Pro Helvetia unterstützte. Wegen Corona trafen sie sich später via Zoom und komponierten auf unterschiedlichste Weise zusammen Stücke. Dadurch hat Fortunat Frölich gelernt, neu zu arbeiten: nicht nur auf Papier, sondern auch mit Mischpult und Sounddesign. »Jemand von ihnen schickte ein fertig aufgenommenes Stück, wir anderen mixten es neu. Oder ich habe Cello-Töne und -Sounds aufgenommen und den anderen geschickt, sie haben diese verändert.«
Und diese Erfahrung wendet Fortunat Frölich nun auf die Glocken an. Das Stück »Zurich, Saturday, seven pm« wird nicht nur aus einer Partitur für die Musiker bestehen, sondern live werden komponierte Sound/Geräusch-Files via Lautsprecher hinzugefügt. Dafür arbeitet er mit einem Sounddesigner zusammen, den er in China kennenlernte. »Wenn man die Glockenklänge am Mischpult verändert, entsteht Unglaubliches – zum Beispiel unheimliche Töne. Auf diese Weise kann man unter anderem aus demselben Ton Töne hervorbringen, die uns aufwühlen und erschrecken, während sonst beim Hören eines Glockentons ein Gefühl der Geborgenheit entsteht. Und diese Ambivalenz, die ich mit den Kirchenglocken herstellen kann, entspricht so ziemlich meinem gegenwärtigen Lebensgefühl. Es scheint mir, dass humanistische Grundwerte, die ich als geistesgeschichtlich vollzogen erachtete und als Fundament unserer Gesellschaft betrachtete, verblasst, vergessen oder nie wirklich angekommen, sicher aber bedroht sind.« Fortunat Frölich nennt unter anderem Russlands Überfall auf die Ukraine, die schrecklichen Vorkommnisse und humanitäre Katastrophe im Nahen Osten, aber auch die rasante Verbreitung skurriler Ideen in den Gesellschaften Europas und Amerikas. »Dabei leben wir hier doch in einem Staatsgefüge, das relativ frei von Korruption und Machtmissbrauch ist und über eine funktionierende Gewaltentrennung verfügt. Vergleichsweise sind wir – ich habe in vielen Ländern gelebt – in einem Paradies, wo jeweils am Samstagabend um 19.00 Uhr der mächtige und friedvolle Klang der Kirchenglocken den Äther erfüllt.«
Bei Urs Widmers Stück ist der Föhn der Ursprung für die große Verwirrung der Menschen. Wie groß die Verwirrung in Fortunats Stück am Schluss ausfallen wird, hängt sicher nicht nur von Zürich und seinen Glocken ab; zumindest einige musikalische Entscheidungen werden auch in Kapstadt fallen, wo er weiter am Stück arbeitet.
Bildunterschrift: Fortunat Frölich (oben links) hat in diversen Ländern gelebt, komponiert und musiziert. Über den konkreten Einfluss der Orte auf seine Kompositionen ist er sich nicht sicher. © Yannik Andreia
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