
Wie kommt es, dass jemand Bücher über einen Mathematiker, Food Saving und den Schriftsteller Johannes Mario Simmel schreibt? Die Autorin Claudia Graf-Grossmann im Gespräch übers Feuerfangen, Träume vom Berufskollegen und die Befreiung aus einem Korsett.
Die Veröffentlichung von Albert Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie liegt zwar über hundert Jahre zurück, doch sind die Theorie und der Name des Verfassers immer noch untrennbar verbunden. Allein hätte sie Einstein jedoch nicht entwickeln können. Sein Lebenswerk verdankt er maßgeblich Marcel Grossmann: begnadeter Mathematiker, passionierter Kolumnist – und Claudia Graf-Grossmanns Großvater.
Originell, miesepetrig und unbekannt
Sie lernte ihn zwar nie persönlich kennen, er starb bereits 1936. Doch im Rahmen der Recherche für seine Biografie, die 2016 bei uns im rüffer & rub Sachbuchverlag erschien, bekam sie das Gefühl, sich ihrem Großvater angenähert zu haben: »Es ist etwas traurig, dass sowohl in meiner Familie als auch in der Öffentlichkeit eine gewisse Leere herrschte, wenn es um ihn ging. Ich war aber sicher, dass er mehr als nur Einsteins Freund und Co-Autor der Relativitätstheorie war und wollte ihn für alle greifbarer machen.« In Erinnerung geblieben sei er leider eher dadurch, dass er aufgrund seiner Multiplen Sklerose, an der er schon in jungen Jahren erkrankte und die ihn gegen Ende seines Lebens sehr eingeschränkt habe, »miesepetrig Leute rumdirigierte«. Das werde ihm auf keinen Fall gerecht. »Wenn man sich so intensiv mit einer Person befasst, muss man sie schon mögen«, sagt sie. Deshalb sei das Schreiben einer Biografie eine Gratwanderung zwischen jemanden authentisch darzustellen oder verzerrend glattzupolieren.
Die Gesellschaft macht vorwärts
Zwei Jahre später ging der Verlag auf Claudia Graf-Grossmann zu, ob sie nicht Lust habe, ein Buch zum Thema »Food Saving« zu schreiben. Sie hatte. In »Über Reste und zu Taten« beleuchtet sie dessen verschiedenen Aspekte, unter anderem, wo in der Nahrungskette Food Waste entsteht und wie man diesen bei sich selbst reduzieren kann. Seither hat sich im gesellschaftlichen Bewusstsein viel zum Positiven verändert. »Mittlerweile gibt es Hotels mit Zero-Waste-Strategien, wo Essensreste vom Vortag weiterverarbeitet werden. Und dass ein Geschäft bei ›To Good To Go‹ mitmacht, ist fast schon ein Qualitätsprädikat«, sagt Claudia Graf-Grossmann. Noch mehr als durch ihr Buch ließen sich größere Kreise der Bevölkerung wohl durch Social Media sensibilisieren. Es brauche aber viel Geduld und auch die Fähigkeit, Rückschläge auszuhalten.
Champagner und Jagdtriebe
Seither ist Claudia Graf-Grossmann keinesfalls untätig gewesen. Zurzeit schreibt sie an einem Buch über das Leben von Johannes Mario Simmel. Wie ist sie auf die Idee gekommen, ausgerechnet über den österreichischen Bestsellerautor eine Biografie zu schreiben? »Das war eine klassische Schnapsidee.« Ihr Mann und sie schauen in der Silvesternacht jeweils gerne die ZDF-Verfilmung von Simmels »Es muss nicht immer Kaviar sein«, und einmal meinte er nach dem dritten Glas Champagner: »Von dem würde ich gerne mal eine Biografie lesen.« Kurze Recherche: Es gab keine und 2024 hätte Simmel seinen einhundertsten Geburtstag gehabt, eine geradezu ideale Gelegenheit. Also nahm Claudia Graf-Grossmann Kontakt auf mit Anne Rüffer, die Idee und Konzept gut fand, das Buch aber eher bei Droemer Knaur publiziert sah und sich sehr dafür einsetzte. Denn Simmel selbst stand dort jahrzehntelang unter Vertrag und trug maßgeblich dazu bei, dass der Verlag sehr groß wurde.
Was veranlasst jemanden dazu, sich so auf eine Person einzulassen, dass daraus eine fundiert recherchierte Biografie entsteht? Kurze Antwort: »Jagdfieber!« Erläuterung: »Man fängt Feuer für jemanden oder ein Schicksal; wenn einen das nicht genügend interessiert, kann man das auch nicht jahrelang durchhalten.« Sie habe sich alle Simmel-Bücher beschafft, teilweise antiquarisch, dann gelesen, gelesen, recherchiert und sich ein Jahr lang so intensiv mit ihm beschäftigt, dass sie von ihm zu träumen angefangen habe, schmunzelt Claudia Graf-Grossmann. Am Autor Simmel schätzt sie, dass er immer sehr zeitaktuell geschrieben und stets eine »Antenne für Themen und richtige Zeitpunkte« gehabt habe.
Love is in the air
Simmel selbst hat der Nachwelt bezüglich seines literarischen Vermächtnisses und auch privater Korrespondenzen eine echte Knacknuss zurückgelassen. Er verfügte testamentarisch, dass sein Nachlass inklusive Tagebücher in einem Archiv in Boston eingelagert bleibt und erst 70 Jahre nach seinem Tod geöffnet werden darf. Wieso er das getan hat? »Das wissen wir nicht genau, auch seine Angehörigen nicht. Vielleicht wollte er so gewisse, noch lebende Quellen schützen.« Trotzdem gibt es noch mehr als genug über sein Leben zu erzählen.
Seine Biografie erscheint am 1. März 2024, Iris Berben wird das Vorwort schreiben. Laut Claudia Graf-Grossmann sei es »überwältigend, wie viel Liebe ihm die Leute heute noch entgegenbringen«. Er sei aber auch ein sehr loyaler, toller und treuer Freund gewesen. Anfang der 1970er hielt sich Simmel oft in Monte Carlo und Monaco auf. Er kannte Josephine Baker und Grace Kelly, die er verehrt haben soll. »Da musste ich natürlich hin, um vor Ort zu recherchieren«, erzählt Claudia Graf-Grossmann und lacht. »An die Luxushotels mit ihren Rundumservicepaketen könnte man sich durchaus gewöhnen. Aber um das zu meinem neuen Standard erheben zu können, muss ich schon noch ein paar Bestseller schreiben«, schmunzelt sie.
Ein enges Korsett und französische Freiheit
Hauptberuflich war Claudia Graf-Grossmann langjährig als Kommunikationsfachfrau tätig, heute schreibt sie (nebst Büchern) noch gelegentlich als Freelancerin für eine internationale Auftrags-Textagentur. »In beiden Tätigkeitsfeldern war und bin ich hauptsächlich für die Kundschaft und deren Ideen, die sie umgesetzt haben wollen, da. Manchmal fühlt sich das ein bisschen wie ein Korsett an. Beim Bücherschreiben hingegen schätze ich es sehr, dass ich mich als Person selbst einbringen kann und von den Verlagen eine Art ›Carte Blanche‹ erhalte.« Für den richtigen Flow leben sie und ihr Mann alternierend für jeweils zwei Monate in der Schweiz und in ihrem französischen Landhaus in einem kleinen Dorf in der Normandie. »Frankreich ist mein Leben. Und auch immer mehr meine zweite Heimat.« Auswandern will das Paar dennoch nicht, sie seien in der Schweiz »verwurzelter als gedacht«, ihre Familien und Freund:innen seien nun mal hier »und uns gefällt unser Lebensstil, die Abwechslung hält uns fit im Kopf«.
Mehr zum Buch »Food Saving – Über Reste und zu Taten«
Mehr zum Buch »Marcel Grossmann – Aus Liebe zur Mathematik«
Bildlegende: Claudia Graf-Grossmann an der Atlantikküste mit ihrer Hündin Lisa: Das Meer inspiriert sie stets von Neuem. © Christoph Graf
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