
Die romantische Ballerina Flora Fabbri (1822–1880) wurde in weiten Teilen Europas als eine der Besten ihres Fachs gefeiert. Trotzdem geriet sie nach ihrem Rückzug von der Bühne in Vergessenheit. Zu ihrem 200. Geburtstag arbeitete ich erstmals ihr Leben auf. Für meine Recherchen begab ich mich unter anderem eine Woche lang auf Spurensuche in das damalige Zentrum der Ballettwelt: Paris.
Flora Fabbris Tanz sei so sehr von Leichtigkeit geprägt, dass sie ihren Fuß nur aus reiner Gutmütigkeit hin und wieder auf die Erde setze, schrieben Kritiker über sie. Für eine Spurensuche war das eine erdenklich schlechte Voraussetzung. Wenn es an einem von ihren zahlreichen Wirkungsorten Überbleibsel von ihr geben sollte, dachte ich, dann in Paris. Kaum ein anderes Theaterarchiv ist so reich und detailliert katalogisiert wie jenes der Pariser Opéra. Die Dokumente, die im französischen Nationalarchiv in Pierrefitte-sur-Seine gleich außerhalb der Pariser Stadtgrenze gehütet werden, dehnen sich auf eine Länge von 200 Metern und reichen bis ins Jahr 1704 zurück. Das Erbe sei so vielfältig, dass sich der Theaterbetrieb fast Tag für Tag nachverfolgen lasse, heißt es im Archivkatalog. Eine Ausnahme bilde die Zeit zwischen 1831 und 1854: Wegen der Privatisierung des bisher staatlichen Theaters sei das Archiv für jene zwei Jahrzehnte nicht das des Theaters, sondern lediglich das Privatarchiv des Direktors.
Davon, dass die romantische Epoche des Balletts ausgerechnet in jenes Zeitfenster fällt, durfte ich mich nicht beirren lassen. Stattdessen fuhr ich mit der unklimatisierten S-Bahn in die Banlieue hinaus, registrierte mich als Leser des Nationalarchivs in Pierrefitte, richtete mich am mir zugewiesenen großflächigen Holzpult ein und bestellte nach und nach die vorgängig anhand des Katalogs sorgfältig ausgewählten Archivboxen. Trotz des hilfreichen Inventars wusste ich beim Lüften eines neuen Deckels nie genau, was mich erwarten würde. Denn die verschiedenen thematischen Kategorien wiesen eine gegensätzliche Ordnung auf: Fein säuberlich geführt waren die monatlichen Lohnabrechnungen, die nicht nur Auskunft über Flora Fabbris Salär, sondern auch über ihre unbezahlten Absenzen gaben. Daraus konnte ich mit Leichtigkeit Schlüsse über die Laufzeit ihres Engagements, dessen Unterbrechung sowie die genaue Dauer ihrer Abwesenheiten während Gastspielen (congés) ziehen.

Unter den ernsten Finanzpapieren hätte ich nicht erwartet, irgendetwas Persönliches zu finden. Aber auf der Quittung einer Lohnauszahlung wartete die erste Überraschung: Ich entdeckte ein mit einer Stecknadel angeheftetes Briefchen Flora Fabbris! Sie befugte damit eine Pariser Freundin, an ihrer Stelle den Lohn abzuholen, weil sie sich kurz vor der Auszahlung auf den Weg an ein Gastspiel in Venedig gemacht hatte.
Enttäuschend waren die Mappen, die die Neuproduktionen dokumentieren. Im Gegensatz zu den akribischen Lohnabrechnungen enthielten sie meist nicht mehr als knappe Angaben zu Komponist, Hauptdarsteller und Choreograf, allenfalls eine Liste der Tanzszenen. Tatsächlich passten diese Dokumente fast aller romantischen Ballette deswegen in eine einzige Archivbox – eine Epoche in einem schuhschachtelgroßen Karton!
Die größte Mühe bereiteten mir die wild zusammengewürfelten Administrationspapiere inklusive der Korrespondenz. Stundenlang fand ich nichts mit direktem Bezug zu meiner Tänzerin. Doch plötzlich, inmitten Hunderter für mich irrelevanter Papiere, machte ich einen hochinteressanten Fund. Es handelte sich um einen an Flora Fabbri (-Bretin) gerichteten Kündigungsentwurf, der vielleicht während einer laufenden Vorstellung hastig auf die Rückseite eines Abrechnungsformulars der Abendkasse geschrieben worden war.
Flora Fabbris wenigen Spuren folgte ich auch im Pariser Stadtzentrum. Im Palais Garnier, wo ein weiterer kleiner Teil des Opéra-Archivs aufbewahrt wird, war das 19. Jahrhundert noch deutlich spürbar. Das Palais war aber erst nach Flora Fabbris Abgang Spielort der Opéra geworden. Das Erscheinungsbild ihrer einstigen Wohnstraße ähnelte (von den Fortbewegungsmitteln abgesehen) noch sehr stark einer Aufnahme von damals. Vermutlich unverändert war die Kirche Notre-Dame-de-Lorette gleich nebenan, wo sich Flora Fabbri 1842 mit Louis Bretin vermählt hatte. Die Beziehung zum aus Paris stammenden Tänzer und Choreografen hatte ihr die Tür zur Opéra geöffnet und ihr so zu europäischem Ruhm verholfen.
Nach einer anstrengenden Woche beendete ich meine Spurensuche mit einer schmalen, aber umso wertvolleren Ausbeute, die die Biografie auf jeden Fall bereicherte.
Bildlegende: (oben rechts): Der Autor im imposanten Treppenhaus des Palais Garnier. © Thierry L. Jaquement. (oben links): An Flora Fabbri (-Bretin) gerichteter Kündigungsentwurf. © Foto Thierry L. Jaquemet, Archives du théâtre national de l’Opéra, AJ/13/189 II, Archives Nationales, Pierrefitte-sur-Seine (Frankreich). (unten links): Flora Fabbris Wohnstraße um 1865. © Paris Musées | Musée Carnavalet. (unten rechts): Flora Fabbris Wohnstraße, heute. © Thierry L. Jaquement
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