
Sehen – Entscheiden – Fokussieren – Auslösen: Mein Weg zum Foto. Ob es ein Bild wird, hängt vom Geschehen vor der Kamera ab. Und von mir. Was ich mache oder nicht mache. Ob vor der Kamera das geschieht, wonach ich gesucht habe oder was ich mir vorstelle.
Und genau so oft, viel öfter kommt es nie so weit, wäre es fast gelungen. Darum bleiben wohl mehr Bilder Gedanke und erreichen nie die Wirklichkeit. Das Zusammenspiel von Moment, Licht und Glück ist ein flüchtiges.
Von Anfang an zog mich ein anderes Zusammenspiel an: Wie bauen wir uns unsere Welt über die Zeit? Wir haben kein Sinnesorgan für ein optisches Erinnerungsvermögen. Das kann ich jedoch mit der Kamera anhand von Vorher-Nachher-Bildern leisten.
Nicht nur Bilder entstehen im Kopf – unsere gesamte gebaute und gepflanzte Umgebung, unsere »Welt« beginnt in unseren Köpfen.
So wird alles Fotografierte wieder zur Dokumentation, zur Beschreibung dieser Welt in der jeweiligen Epoche.
So habe ich für die Redaktion der damals größten Sonntagszeitung der Schweiz, den »SonntagsBlick«, 33 Jahre lang als »Staff Photographer« Menschen in Politik, Unterhaltung, Wirtschaft, Kunst und Kultur, auch Tiere und viele Reportagen fotografiert.
Es gibt 45 174 Fotos im digitalen Archiv der Blick-Gruppe, Tausende Negative und Dias im Ringier Bildarchiv des Staatsarchivs des Kantons Aargau und Tausende private Bilder. Daraus erwächst die Frage, welche Bilder jetzt im Buch überdauern werden: die Kunst der AUSWAHL!
Das Schönste an all diesen Bildern war für mich, sie zu machen, diese Vielfalt im professionellen Umfeld zu gestalten in Zusammenarbeit mit den Schreibenden und den Beschriebenen. Spannenden Menschen, fotogenen Tieren und so vielen Sachen.
Eine persönliche Auswahl: Vier aus allen.
Pipilotti Rist
Die Künstlerin bereitete im Atelier ihre bisher umfangreichste Einzelausstellung in der Schweiz vor: »Remake of the Weekend à la zurichoise« (1999, Kunsthalle Zürich).
Nach dem Gespräch mit der Journalistin Lilith Frey machte ich Fotos mit ihr und einem Ausstellungsmodell aus Karton. Zum Abschluss setzte sich Pipilotti vor den Spiegel zur Kiste mit den Schraubenziehern. Da überraschte sie mich mit ihrer unbändigen Kreativität und ergriff den Hammer. Ihre spontane Geste zur Mitgestaltung des Bildes gab mir ein Gefühl von Leichtigkeit, die ich nie vergesse. In der Zeitung erschienen ist dann das Bild mit dem Ausstellungsmodell und eines ohne Hammer mit dem Titel »Meine Arbeit ist nicht lustig«. Für mich blieb jedoch dieses ein Hammer-Bild.
ABC-Abwehr-Übung
Es war ein heißer Sommertag, ich war zu Besuch bei der FHD-Truppe bei Kloten für meine Reportage im 3. Lehrjahr an der Kunstgewerbeschule Zürich. Der »Frauenhilfsdienst« war wieder mal im öffentlichen Diskurs, und ich hatte das Thema gewählt, weil ich neugierig war, was die Frauen dort erwartete. So staunte ich nicht schlecht ob dieser in Pelerinen und ABC-Schutzmasken (atomar, biologisch und chemisch) gekleideten, mit Karten und Holzstock bewaffneten Gruppe, die mir im Feld entgegenkam. Es sollte noch viele Übungen mit den Schutzmasken geben. Die Frauen hatten einen kameradschaftlichen Um-
gang untereinander, was bewirkte, dass ich mich in meiner zivilen Kleidung umso mehr als Außenseiterin fühlte. Die Rekru-
tinnen-Schule dauerte mehrere Wochen, und ich hatte die Bewilligung, sie tageweise zu be-
suchen und zu begleiten.
Nach der Gründung des FHD dauerte es fast 60 Jahre, bis die Schweizerinnen gleichberechtigten Zugang zu allen Funktionen und Dienstgraden der Armee erhalten sollten.
Ich habe erst 12 Jahre später für eine »SonntagsBlick«-Reportage wieder Frauen im Militär fotografiert.

Lesbischer Trachtenchor
Im Jahr 1982 gab es in der Öffentlichkeit keine lesbischen Frauen. Dem setzten mutige Feministinnen diese Aktion mit der »Lesbischen Trachtengruppe« im Zürcher Niederdorf entgegen und sangen an einem Samstagnachmittag durchs Dorf ziehend Lieder wie »Wandern ist der Lesben Lust«. Da fragte mich ein älterer Herr: »Sie, was für eine Tracht ist das? Die kenne ich gar nicht …«
Ich war an diesem Tag im Dienst für die Zeitung, doch wollte ich die Aktion unbedingt kurz fotografieren, wir hatten alle großen Spaß und trafen uns danach zum lustigen Abendessen.

Wiedersehen auf der A3
Wie wir unsere Umgebung verändern, ist mein fotografisches Langzeitprojekt. Der Bau des Bözberg-Autobahn-Abschnitts beschäftigte mich seit 1982. So zufällig diese fünf Kinder an einem Sonntagnachmittag vor meiner Kamera standen, so langwierig wurde 1996 die Suche nach ihnen. Denn zur Eröffnung der Straße wollten wir im »SonntagsBlick« eine große Reportage bringen und ein aktualisiertes Bild der Kinder zeigen. Ich ging mit dem alten Foto in Dorfläden, fragte Passanten in umliegenden Dörfern nach den Kindern. Kurz bevor ich aufgeben wollte, erhielt ich die zutreffende Auskunft, und alle machten wieder mit! Drei Geschwister und die Schwestern Basler, vorne in der Mitte die Bäuerin und Politikerin Colette Basler und zuhinterst mit Velo die Kabarettistin Patti Basler vom Hof in Zeihen AG.
Dieses Beispiel zeigt, wie Idee, Ausdauer, Freundlichkeit und Glück zusammenfallen können und so Stoff für die Bilder sind.
Bildnachweis: © Sabine Wunderlin. Bildunterschriften: oben: Künstlerin Pipilotti Rist im Atelier. Zürich, 1999. 2) ABC-Abwehr-Übung (atomar, biologisch und chemisch), 1983, Umgebung von Kloten ZH. 3) Die »Lesbische Trachtengruppe« posierte fürs Foto auf meinen ausdrücklichen Wunsch. daneben: Fotografin Sabine Wunderlin. 4) Wiedersehen auf der A3, Effingen AG. oben: Kinder auf Velotour beim wegen der A3 gefährdeten Sagenmülitäli, Aargau, 1983; unten (13 Jahre später): Vor der Eröffnung der A3.
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