
In diesem Doppelinterview zu Eve Kosovsky Sedgwicks »Ein Gespräch über die Liebe« befragt erst die Herausgeberin Brigitte Helbling (oben links) die Übersetzerin Elvira Bittner (oben rechts) nach ihrer Arbeit, ihrem Beruf, dann dreht sich die Sache um, und Helbling antwortet auf die Fragen von Bittner. Das Interview wurde über einen Zeitraum von drei Wochen per E-Mail und Telefon geführt.
Fragen von Brigitte an Elvira
Sedgwicks »Ein Gespräch über die Liebe« ist ein sehr ungewöhnliches Buch – jedenfalls kam mir das so vor, ein Grund natürlich, warum ich die Idee einer Übersetzung so interessant fand. Du bist über die Verlegerin Anne Rüffer zu dem Buch und dem Auftrag gekommen. Woher kennt ihr beide euch und wie kommen Übersetzungsaufträge überhaupt zustande?
Ich habe in der Coronazeit einen Verlag für die Übersetzung der Autobiografie von Mimmo Lucano gesucht, der in Italien wegen seines Engagements für die Aufnahme von Geflüchteten in seinem kalabresischen Dorf von der politischen Rechten massiv kriminalisiert worden war. Mit unabhängigen Verlagen aus der Schweiz hatte ich gute Erfahrungen gemacht, und so habe ich mich auch hier nach einem Haus mit passendem Programm umgeschaut. Zwei Verlage haben sich interessiert, rüffer & rub war einer davon, und so habe ich Anne Rüffer kennengelernt, die von dem Projekt von Anfang an begeistert war. Die Zusammenarbeit mit ihr gestaltete sich sehr fair und angenehm, und später kam von ihr ein weiteres Übersetzungsangebot, ein Auszug aus Jenny Diskis »In Gratitude«, in dem die Autorin ihre Krebserkrankung verarbeitet, für den Sammelband »Ein letztes Buch«. Dazu passte in der Folge sehr gut das größere und ungemein spannende Projekt mit Eve Kosofsky Sedgwicks »A Dialogue on Love«, die ja ebenso wie Diski Amerikanerin mit jüdischem Familienhintergrund war.
Es gibt keine Regel, wie Übersetzungsaufträge zustande kommen. Meist sind es die Verlage, die auf die Übersetzer zukommen, weil sie schon in der Vergangenheit mit ihnen zusammengearbeitet haben. Aber oft sind es auch die Übersetzer selbst, die initiativ werden, wenn sie für ein Buch besonders brennen. Es ist zwar nicht leicht, einen Verlag für ein Buch zu finden, aber manchmal funktioniert es eben doch.
Und ganz konkret zu Sedgwick: Wie ging es dir (als Übersetzerin, als Leserin) mit dem Buch, das dir ja sozusagen als Auftrag in den Schoß fiel?
Ich war von Anfang an begeistert von dem Buch und habe nach kurzem Hineinlesen zugesagt. Man hat ja nach langer Erfahrung ein Gespür dafür, was einem liegt, und die Mischung aus lockerem Gespräch und tiefgehender Analyse hat mir auf Anhieb gefallen, auch die »Literarisierung« des Textmaterials etwa durch die Haikus, und vor allem Eves feines Gespür für Zwischentöne. In dem Buch steckt einfach sehr viel drin, viele kleine Szenen, Reflexionen, Bilder, die mir lange in Erinnerung bleiben werden und die mich auch für mein eigenes Leben inspiriert haben.
Was gefällt dir am Beruf der Übersetzerin?
Da ich immer eine passionierte Leserin war und ein Talent für Sprachen und ihre Vermittlung habe, fühle ich mich in diesem Beruf am richtigen Platz. Die Mischung aus Intuition und Genauigkeit, das Feilen daran, Sätze aus einer anderen Sprache in die eigene zu transferieren, ist eine sehr schöne Arbeit. Für mich ist es sogar immer noch ein kleines Wunder, dass das überhaupt geht (und so ganz geht es natürlich nie.) Man muss in diesem Beruf die andere Sprache sozusagen »hören« können, und natürlich muss auch die Muttersprache sitzen. Ich wüsste nicht, was mich in meinem Leben mehr bereichert hat als Sprachen und die damit verbundenen Welten.
Was stört dich daran?
Zum Beispiel die Honorare, die leider meistens noch immer sehr niedrig sind, dann der oft herrschende Zeitdruck, der zulasten des Buchs geht, und vor allem die mangelnde öffentliche Anerkennung von Übersetzern. Oft werden sie in Rezensionen oder bei Lesungen nicht mal namentlich erwähnt, dabei kennen sie den Text besser als jede andere (nach der Autorin), und es hätte das Buch ohne sie gar nicht gegeben.
Als Übersetzerin – noch mehr denn als Lektorin – liest man ja ein Buch sehr gründlich, man kriecht gewissermaßen unter seine Haut, kam mir immer vor. Und das ist bei jedem Buch wieder anders. Wie sind deine Erfahrungen mit dieser Nähe zum Text, allgemein, und dann auch bei »Ein Gespräch über die Liebe« im Besonderen?
Wie gesagt, ich habe immer das Gefühl, in meinem Kopf eine kleine Stimme zu hören, die mir das Buch sozusagen vorspricht oder vorspielt und mir auch Bilder dazu vermittelt. Man verwächst schon sehr mit einem Buch, denn man verbringt ja viele, viele Stunden und im Ganzen meist einige Monate damit und dringt immer weiter in sein Inneres vor. Manche Stellen verstehe ich erst beim dritten Durchgang, bei anderen merke ich erst später, dass ich einer falschen Fährte gefolgt bin. Ein gutes Lektorat ist daher immer wichtig, denn man benötigt das zusätzliche Augenpaar von außen, das sich den Text auch noch mal ganz genau ansieht. In diesem Fall war es ein Plus, dass du als Lektorin auch noch das Werk von Sedgwick kanntest.
Ich hatte mit Eve Sedgwick den Eindruck, sie immer besser kennenzulernen, vor allem auch, weil es natürlich ein sehr persönliches und intimes Buch ist. Es war schon ein sehr herausforderndes Projekt, da sie natürlich auch eine komplexe Denkerin ist und es nicht immer einfach war, ihrem Gedankengang ohne eingehende Kenntnis ihres akademischen Werks zu folgen. Aber ich habe mich gut eingefunden, weil mir gerade diese Art von Texten und diese sehr differenzierte und oft auch Um- und Abwege gehende Art zu denken sehr liegt, ganz abgesehen von ihrem Humor und ihrer auch berührenden Offenheit. Ich hatte jedenfalls das Gefühl, ihr immer näher zu kommen, und irgendwann auch bei Stellen, die wirklich verzwickt waren und letztlich immer etwas mysteriös blieben (gerade, weil man sie ja auch nicht mehr fragen kann), immer besser nachempfinden zu können, was sie eigentlich meint.
Fragen von Elvira an Brigitte
Soweit ich weiß, bist du es gewesen, die Anne Rüffer das Buch »A Dialogue on Love« vorgeschlagen hat. Wie bist du auf Eve gekommen und was hat dich an ihr fasziniert?
Der erste, nachhaltige Hinweis auf »Ein Gespräch über die Liebe« begegnete mir in Maggie Nelsons »Die Argonauten«. Im Netz fand ich später ein Video, wo Eve Teile aus dem Buch vorträgt. Beim Hören faszinierte mich anfangs vor allem die Tatsache, dass hier die Stimme des Therapeuten ebenfalls einen Raum erhält. Ich besorgte mir die amerikanische Fassung des Buchs und konnte dann beim Lesen den Stellenwert der Haikus besser einordnen. Der schöne, aus Lust und Not geborene Eigensinn des Vorhabens faszinierte mich. Tatsächlich ist mir aber erst beim Arbeiten mit dir noch mal klar geworden, wie »literarisch« sein Inhalt ist, wie sorgfältig bearbeitet, wie frei in allem, was einbezogen und ausgelassen wird, um ein geformtes Ganzes zu erhalten. Als Lektorin liest man natürlich anders als »normale« Lesende. Und ich habe das Buch bis zum Abschluss unserer Arbeit sicher sechsmal gelesen. Jedes Mal bekam ich noch etwas mehr davon mit, tauchte etwas tiefer in das hinein, was Eve mit ihrem »Gespräch« erreichen wollte und auch erreicht hat. Das war für mich ein Geschenk, bei allem Einsatz, den das Buch von uns auch abverlangt hat.
Ähnlich wie ich selbst als Übersetzerin und Gästeführerin, bist ja auch du in deinem Berufsleben mehrgleisig unterwegs: Du warst Kulturjournalistin und hast Romane, Erzählungen und Theatertexte verfasst, warst auch als Übersetzerin tätig und kuratierst derzeit eine Ausstellung. Wie kommt diese Vielseitigkeit zustande und wie wichtig sind dir deine verschiedenen »Standbeine«?
Schon während der Promotion in Hamburg habe ich für Tages- und Wochenzeitungen über Comics und Literatur geschrieben und in den Jahren danach mitbekommen, wie die Honorarsätze kontinuierlich runtergingen. Wer kann heute noch davon leben? Nach der Dissertation habe ich für Rowohlt und Rogner & Bernhard einige tolle Romane aus dem Englischen übersetzt, dabei auch erlebt, was ein gutes Lektorat sein kann; und das versuche ich bis heute als Lektorin zu leisten. Das Theater kam ab 2000, mit bisher gegen 25 Theatertexten für das freie Theaterkollektiv MASS & FIEBER/OST und für verschiedene Stadttheater, oft in Zusammenarbeit mit meinem Mann, Regisseur Niklaus Helbling. Dann kamen die ersten Romane, in einem Fall als Ghostwriterin. Die Liebe zu Comics lief immer nebenher, mit Büchern und zuletzt einer Ausstellung zum Werk der Schwedin Liv Strömquist im Auftrag vom Comic Salon Erlangen. Das eine ergänzt das andere, alles zusammen erlebe ich als Bereicherung (auch wenn man damit nicht unbedingt reich wird). Beruflich nenne ich mich schlicht »Autorin«.
Wie schätzt du Sedgwicks Bedeutung heute ein, 15 Jahre nach ihrem frühen Tod, auch im Hinblick auf die Diskussion um Queer- und Gender-Fragen, die ja inzwischen selbstverständlicher ist, aber auch teils kontrovers geführt wird? Was würde Eve zu der heutigen Entwicklung sagen?
Was würde Eve zur heutigen Entwicklung sagen? Ich glaube, jeder Diskurs zum Themenfeld »Queer«, der aufmerksam und mit Lust am Denken in Zwischenräumen, »out of the box«, geführt wird, würde sie freuen. In »Ein Gespräch über die Liebe« positioniert sie sich, gerade auch im sehr offenen Blick auf ihren persönlichen und beruflichen Werdegang, als eine zugewandte Outsiderin, jemand, die sich bestimmten Communitys zugehörig fühlt, ohne offensichtlich dazuzugehören, und die mit ihrem Schreiben zum Selbstverständnis dieser Gemeinschaften etwas beitragen möchte. Die Tatsache, dass ich ihrem Namen bis heute immer wieder begegne, bei so unterschiedlichen Autorinnen und Autoren wie Olivia Laing, Edouard Louis oder Daniel Schreiber, deutet darauf hin, dass ihre Gedanken und Überlegungen weiterhin nachwirken. Gerade ihr Aufsatz über »Paranoid Reading and Reparative Reading«, der ein Lesen in der »Vorwegnahme« analysiert und infrage stellt, scheint heute aktueller denn je. Die »literarischen« Freiheiten, die sie sich bei »Ein Gespräch über die Liebe« nahm – gar nicht anders konnte, als sie sich zu nehmen, um das zum Ausdruck zu bringen, worum es ihr ging –, machen allerdings dieses Buch zu einem ganz besonderen Leseerlebnis. Die Vorstellung, es einer deutschsprachigen Leserschaft zugänglich zu machen, fand ich elektrisierend. Ich freue mich sehr, dass rüffer & rub sich darauf eingelassen hat.
Bildnachweis: Vorschaubild Eve Kosofsky Sedgwick: © Hal Sedgwick; Brigitte Helbling: © Raoofeh Rostami; Elvira Bittner: © Frank Stolle
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