
Die Welt des Musikalienhandels ist überschaubar geworden, nicht nur in der Schweiz. Inzwischen gibt es Großstädte, ja sogar Länder, in denen keine Musikalienhandlungen mehr existieren. In der Deutschschweiz gibt es aktuell noch vier Notenläden, so in Basel, Bern, Luzern und Zürich; in letzterer der Notenpunkt mit einem Angebot von über 40 000 Notenheften und Büchern sowie einem Online-Shop.
Erst bei genauerem Hinsehen unterscheidet sich der Notenpunkt in Zürich von einer klassischen Buchhandlung. Der geräumige Eingangsbereich heißt die Kund:innen mit einer freundlichen, einladenden Gestaltung willkommen. Es gibt Bücher und Postkarten, da und dort Hinweise auf das Thema Musik. Wenn man tiefer in den Laden in der Oberdorfstrasse 9 eindringt, wird deutlich, dass die Regale und Auslagen hauptsächlich mit Musiknoten bestückt sind.
Natürlich unterscheidet sich der Notenhandel auch sonst vom Buchhandel. Am augenfälligsten ist wahrscheinlich, dass Musik nicht sprachgebunden ist und sich damit Notenbücher aus aller Welt verkaufen lassen, ohne dies speziell kennzeichnen zu müssen. Verschiedenen Ausgaben eines einzelnen Werkes kommt so auch eine stärkere Bedeutung zu, ebenso wie Gesamtausgaben, und auch Zusatzmaterialien spielen eine Rolle. Katharina Nicca überlegt sich sehr gut, wie sie die Regale füllen will; nicht nur, weil es den Usus der Remission nicht gibt, sondern auch, weil sie ihrer Kundschaft ein solides Grundsortiment bieten möchte. Obwohl mittlerweile der Großteil des Musikalienhandels in Webshops stattfindet – auch Notenpunkt führt einen umfangreichen solchen –, findet sie es wichtig, ein Notensortiment vor Ort anbieten zu können und die Kund:innen persönlich und kompetent zu bedienen. Im Gegensatz zu früher ist der Musikalienhandel vor Ort heute eine Selbstbedienung, wie man das aus Buchhandlungen kennt. Auf eine konkrete Nachfrage hin bekam der/die Kund:in damals einen Stapel Notenhefte vorgesetzt, den er dann durchstöbern konnte. Beratung bekam er bei Bedarf natürlich auch, das war und bleibt bedeutend und einer der Vorteile gegenüber dem Online-Handel.
Traditionell gehören zum Musikalienhandel ein großes Sortiment an Musiknoten, Fachliteratur, Blockflöten, Kleininstrumenten und oft ein Musikverlag. Aber auch eine direkte Zusammenarbeit mit den Verlagen ist ein wichtiger Teil. Vor rund zehn Jahren noch gab es einen Verdrängungskampf: Die Verlage machten sich vieles nach, oft in zweifelhafter Qualität. Katharina Nicca hat diesbezüglich jedoch einen hohen Anspruch und monierte, dass vieles auf lausigem Papier gedruckt war, schlecht gesetzt und ohne stimmiges Layout, zudem noch schief geschnitten, was oft einem Print-on-demand-Konzept geschuldet war. So versucht sie Einfluss zu nehmen, und zu vielen, vor allem deutschen, auch größeren, Verlagen hat sie eine gute Beziehung. Es finde ein Austausch statt, sagt sie, man frage bei ihr auch nach, was von der Kundschaft gerade gesucht und gebraucht werde, was sie sehr schätze. Die Verlage informieren den Handel direkt über Neuheiten mittels Newsletter, ansonsten muss man sich die Infos selbst beschaffen. Es gab eine Musikmesse in Frankfurt, die mit Corona den Todesstoß bekam, nachdem sie immer kleiner geworden war, vor allem der Notenbereich. Darüber Bescheid zu wissen, was vorhanden ist, welche Ausgaben die besten und die aktuellsten sind, ist also mit einigem Aufwand verbunden.
Eine beherzte Unternehmerin
Katharina Nicca hat den Musikalienhandel nicht gelernt, sondern eine Lehre im Jecklin, Detailhandel für Instrumente, gemacht. Musikaffin war sie schon immer, spielte Geige und besuchte häufig Konzerte, die Leidenschaft dafür ist ungebrochen. Unternehmerin zu sein, einen Laden zu führen oder gar mehrere, war hingegen nie ihr Traum. Sie sei da mehr so reingerutscht, nicht zuletzt wohl wegen ihrer tüchtigen und überzeugenden Art. Sie war die erste feste Angestellte mit Verkaufs-Know-how der NMW Neue Musik AG in Winterthur, die als Notenladen in den frühen Achtzigern von drei Musikstudent:innen gegründet wurde.
Die Notenpunkt AG wurde schließlich 2001 in der Nachfolge der NMW Neue Musik AG gegründet. Das Geschäft in Zürich eröffnete 2003 an der Frosch-augasse, Läden in St. Gallen und Bern kamen später hinzu; in Bern durch die Übernahme von Müller und Schade, der immer schon das klassische Sortiment des Musikalienhandels vertrat, worauf man sich nun stärker besann. So sind in der Froschaugasse die Blockflöten hinzugekommen, an denen Katharina Nicca selbst viel Freude hat. Nachdem ein kleines Geschäft in Zürich, das auf Blockflöten und Blockflötenliteratur spezialisiert war, geschlossen wurde, gab es auch immer wieder entsprechende Nachfragen. Es war ein Glück, dass zum Aufbau dieser Abteilung ein junger Mann mit viel Fachwissen – durch ein Flötenstudium und eine Lehre im Blockflötenbau – eingestellt werden konnte.
Mit dem Umzug im Jahr 2021 an die Oberdorfstrasse bieten sich nun wieder neue Möglichkeiten für Ideen und Projekte; der Gestaltungswillen von Katharina Nicca und ihrem Team ist groß. Das zeigt sich auch in der sorgfältigen Planung und Umsetzung der Einrichtung des neuen Lokals, mit einem Farbkonzept und sinnvollen baulichen Maßnahmen, die Lust und Raum zum Stöbern und Entdecken lassen. Mit einem Crowdfounding wurde der notwendige Umbau des Lokals großzügig von vielen Kund:innen und Freund:innen unterstützt. Das Resultat ist bei vielen Musiker:innen bereits auf lebhaften Anklang gestoßen. So hat der Flügel seinen Platz gefunden und auch am neuen Standort finden Konzerte und Lesungen statt. Auch der Platz für Bücher zum Thema Musik im weiteren Sinn konnte ausgebaut werden. Das rückt den Notenpunkt wieder näher an den Buchhandel. Seit es keinen Verband mehr gebe für den Musikhandel, sei man zudem Mitglied im Buchhändlerverband. »Branchentechnisch ist man sowieso näher an der Buchhandlung als am Instrumentenverkauf, so vom Produkt her – Papier, Bücher, die Zusammenarbeit mit Verlagen«, sagt Katharina Nicca. Allerdings hat der Verlust eines eigenen Organs für die Branche auch zur Folge, dass es keine geregelte Ausbildung mehr gibt, was die Anstellung von geeignetem Personal nicht gerade einfach mache. Das Einarbeiten sei extrem aufwändig, ein Jahr müsse man sich schon Zeit geben; Quereinsteiger:innen seien eine gute Option, wenn der Wille und die Begeisterung, die Freude an der Materie da seien.
Trotz allen Unwägbarkeiten und der Tatsache, dass dieses Jahr die Läden in St. Gallen und Winterthur aufgegeben werden mussten, blickt Katharina Nicca nicht düster in die Zukunft und sieht diese für ihr Metier nicht gefährdet. Die Schließungen, die notwendig waren, um die Unternehmung als Ganzes nicht zu gefährden, bedauert sie im Hinblick auf die Kundschaft, die man zurücklassen müsse, und für alle, die sich so sehr eingesetzt hätten für diese Läden. Dadurch würden aber auch Ressourcen frei für die Stärkung der beiden Standorte in Bern und Zürich, auf die man sich nun konzentrieren wolle. Das neue Ladenlokal in Zürich erweist sich zu diesem Zeitpunkt geradezu als Glücksfall. Ein strahlender Leuchtturm.
Bildnachweis: © Andreas Zihler, Zürich
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