
Als es darum ging, den richtigen Fotografen oder die richtige Fotografin für ein heikles Thema – Frauen erzählen von ihrer Brustkrebserkrankung – zu finden, war Felix Eidenbenz (FE) [↗ S. 37 oben] der klare Favorit der beiden Buchautorinnen. Ausschlaggebend war seine eindrückliche Ruhe, die er im Vorgespräch ausstrahlte, und die Fähigkeit, die hohe Sensibilität dieser Frauen zu erfassen.
Seither hat Felix Eidenbenz für zwei weitere Bücher des Verlags von Menschen in außergewöhnlichen Situationen die Porträts gemacht. Und einmal mehr fühlten sich die Protagonist:innen erkannt und gut ins Bild gesetzt – obwohl man sie bei einem Projekt gar nicht wirklich sieht. Was es damit auf sich hat, wird in diesem Beitrag erläutert.
Die Diagnose Brustkrebs bedeutet ein einschneidendes Erlebnis im Leben jeder Frau – es beginnt eine Zeit der intensiven Behandlungen, der Auseinandersetzung mit dem Kranksein und mit sich selbst. Für das Buch »Vom Anfangen und Weitermachen« fotografierte Felix Eidenbenz 19 Frauen.
Spielte die Krankheit der Frauen eine Rolle für dich?
Felix Eidenbenz: Natürlich, denn Brustkrebs ist ein sehr heikles Thema, und jede Frau geht sehr individuell damit um. Die eine ist sehr offen und zuversichtlich, die andere eher ängstlich, und das zeigte sich dann in den Gesprächen und dann auch in den Bildern.
Du nimmst dir jeweils viel Zeit für ein Gespräch. Was willst du dabei rausfinden?
FE: Es ist mein persönliches Interesse an der Person, die ich fotografiere. Und zudem geht es mir darum herauszufinden, wie ich den Respekt für diesen Menschen mit der Kamera umsetzen kann. Bei diesen Frauen war es mir wichtig, genau zu spüren, wie offen darf ich sie zeigen, denn sie waren alle in der Situation, eine schwere Krankheit überstanden zu haben.
Warum hast du dich entschieden, alle Frauen in der gleichen Situation – in, auf, um einen alten Chesterfield-Sessel herum – abzulichten?
FE: Weil alle Frauen in der gleichen Situation waren – und dieser wuchtige Sessel war wie eine Metapher für die Krankheit: Die einen sind lässig in dem Stuhl gesessen, schauen sehr selbstbewusst und mit offenem Blick in die Kamera, andere waren eher scheu, eine wollte sich gar nicht zeigen, und eine wollte sich nur von hinten zeigen.

Erst vor Kurzem wurde ein weiteres Buch fertig, für das Felix Eidenbenz die Fotos gemacht hat. Diesmal geht es um Menschen, die berichten, wie sie ein gutes Leben nach der Sucht führen. In »Mein letzter Rausch« erzählen neun Menschen von ihrem Sprung aus ihrer Suchterkrankung in die Unabhängigkeit und lassen die Leser:innen daran teilhaben, weshalb sie zu diesem Sprung angesetzt und wie sie in ihrem Leben wieder Halt gefunden haben.
Von Anfang an war klar, dass alle Protagonist:innen nicht erkennbar dargestellt werden, auch wenn sie noch so offen aus ihrem Leben erzählen. Und weil die Geschichten derart unterschiedlich waren, musste sich der Fotograf für jede und jeden etwas Eigenes überlegen. Wie zum Beispiel für Marco [oben, rechts] und Gabriela [oben, links].
Wie viel wolltest du vorher über die Geschichte von Marco und Gabriela wissen?
FE: Ich habe beide Texte – wie auch alle anderen – genau gelesen, um ihre Geschichte zu verstehen und mir zu überlegen, wie ich das umsetzen kann, um ihnen gerecht zu werden.
Was hat dich bei den beiden am meisten berührt und wie kam es schließlich zu genau der Aufnahme, die im Buch zu finden ist?
FE: Marco ist ein absoluter Familienmensch, dort findet er seine Geborgenheit, und seine Frau hat ihn sehr stark unterstützt; seine Dankbarkeit ist enorm, das wollte ich zeigen, und ihm war das ebenfalls sehr wichtig. Er wollte an einen Platz gehen, an dem er viel mit seiner Familie ist, und diese Umarmung zeigt für mich genau diese Geborgenheit und seine Dankbarkeit.
Gabriela ist für mich eine starke Person, so habe ich sie bei unserem Treffen und im Gespräch erlebt. Und weil ich wusste, dass sie malt, bat ich sie, mir einige Bilder zu zeigen. Eines hat mich enorm angesprochen, es war noch nicht fertig, und sie hat sich dann an die Staffelei gesetzt, was ich sehr kraftvoll fand – das Bild selbst und die Malerin.
Wie viel Nähe und Vertrauen braucht es für eine gute Aufnahme?
FE: Das ist ganz unterschiedlich, manchmal ergibt sich nach einem Gespräch eine gewisse Vertrautheit, die das Foto widerspiegelt. Meine Erfahrung zeigt, je interessierter man sich einer Person nähert, desto eher ist sie bereit, sich zu öffnen.
So unterschiedlich die dargestellten Personen auch sein mögen, die Porträts von Felix Eidenbenz lassen einen an einem stillen und intimen Augenblick teilnehmen, ohne dass man diesen Menschen zu nahe tritt. Oder wie es der Fotograf selbst ausdrückt: »Wenn ich die Aufnahme sehe, muss sie ›leben‹, ›belebt sein‹. Und die richtig guten Aufnahmen sind diejenigen, in denen sich der/die Porträtierte auch wiedererkennt.«
Mehr zum Buch: Vom Anfangen und Weitermachen
Mehr zum Buch: Mein letzter Rausch
Bildnachweis: © Felix Eidenbenz
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