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Blog

Regeln und Rituale geben Sicherheit Bild 1

Regeln und Rituale geben Sicherheit

Sabine Arnold

Hat irgendjemand – eine Schulsozialarbeiterin, ein Nachbar, eine Jugendanwältin, ein Polizist, eine Pflegefachfrau – das Gefühl, das Wohl eines Kindes sei gefährdet, es erhalte zu Hause nicht die richtige Fürsorge, werde misshandelt oder vernachlässigt, meldet die Person dies der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB). Hoffentlich wird eine Familienbegleiterin oder ein Familienbegleiter eingesetzt. Diese Familienbegleiter:innen suchen das Positive in den Familien, sehen Mutter- und Vaterliebe, sehen das Potenzial der Kinder und einen Zusammenhalt auch in schwierigen Zeiten.


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»Eine Familie kann auch funktionieren, wenn sie vom
Idealbild abweicht« – Brigitte Fischer

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»In der Gesellschaft und der Schule existiert eine Idealvorstellung, wie eine Familie funktionieren soll: Die Mutter ist mehrheitlich zu Hause, und um 18 Uhr steht das Nachtessen auf dem Tisch. Das ist je länger, je mehr eine Utopie. Ich vertrete vielmehr die Meinung, dass jede Familie ein eigenes System mit eigenen Persönlichkeiten ist, die stark vom Idealbild abweichen kann, aber dennoch funktioniert. Die perfekte Familie gibt es nicht, aber gewisse Grundbedingungen müssen einfach stimmen: Die Eltern oder eine erziehungsberechtigte Person sollen präsent und für die Kinder verlässlich sein. Nötig sind ausserdem Rituale und Regeln zur Orientierung. Sie können den Kindern Sicherheit und Halt geben. Die Kinder müssen wissen, welche Regeln zu Hause gelten. Das heisst auch, dass ihnen jemand Grenzen setzt und von ihnen auch etwas einfordert.«

Brigitte Fischer, Jahrgang 1966, ist verheiratet, hat keine Kinder und wohnt in Alpnach OW. Sie verbringt ihre freie Zeit meist in der Natur mit Biken, Klettern und im Winter mit Skifahren und Skitouren. Sie arbeitet seit über 30 Jahren als Sozialpädagogin, mehrheitlich hat sie ihre Erfahrungen im stationären Bereich mit »verhaltensauffälligen« Kindern und Jugendlichen gesammelt. 2018 wechselte sie in die ambulante Familienbegleitung.


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»Kinder sollen träfe Männervorbilder haben, die auch
Schwäche zeigen dürfen«
– Christoph Leu
–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

»In der Sozialpädagogischen Familienbegleitung fehlen die Männer. Einerseits sind die Väter in den Familien häufig nicht präsent und wenn, dann haben sie Schwierigkeiten, in ihrer Rolle zu handeln, sie zu hinterfragen, zu erweitern. In Besuchsbegleitungen erlebe ich oft überforderte Väter, die ich darin bestärke, als Vater in ihrer umfassenden Persönlichkeit in den wohlwollenden Kontakt mit ihren Kindern gehen zu dürfen. Im Helfersystem sind ebenfalls zu wenig Männer vorhanden, wie in vielen anderen sozialen Berufen auch, ebenso in den Schulen. Ich finde es wichtig, dass Kinder Männervorbilder haben, die träf [keck, selbstbewusst] sind. Eben im Sinne von: Ich bin primär ein Mensch mit Stärken und Schwächen und vielen unterschiedlichen Gefühlen. Darum sollen Kinder ihren Vater auch mal schwach erleben dürfen und merken, dass er ein verletzlicher Mensch ist. Ich möchte mehr mit Vätern arbeiten, denn auch ich habe tendenziell mehr mit Müttern zu tun. Die Väter erhalten häufig negative Zuschreibungen, auch von uns Profis, was es für die Väter umso schwieriger macht, aus alten Handlungsmustern auszubrechen.«

Christoph Leu, Jahrgang 1978, verheiratet, Vater von zwei Kindern (5 und 9 Jahre), wohnt im Westen von Bern. Er mag Sport, Musik, Begegnungen. Ursprünglich lernte er Bauer, um den elterlichen Hof zu übernehmen. Durch die Berufsmatur und ein Praktikum mit lernbehinderten Jugendlichen interessierte er sich für die Soziale Arbeit. Nach dem Studium der Sozialen Arbeit an einer Fachhochschule arbeitete er in einer Wohngruppe für verhaltensauffällige Kinder, in der Arbeitsintegration, mit Geflüchteten und mit Erwachsenen mit Behinderung. Vor knapp drei Jahren stieg er in die aufsuchende Sozialarbeit in Familien ein.


–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

»Ich bilde eine Brücke zwischen den Klient:innen und
den Institutionen« – Shefkije Aliu

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

»Am meisten motivieren mich Erfolgsgeschichten. Ich begleitete zum Beispiel eine alleinerziehende, albanisch sprechende Mutter, die in einer tiefen Depression steckte. Die Familie war mehrfach belastet. Die beiden Kinder hatten Schulprobleme, und es gab keinen Kontakt zum Vater der Kinder. Die Mutter hatte Angst, dass ihr die Kinder weggenommen werden. Gemeinsam haben wir schrittweise das Ziel erreicht, dass die Mutter sich sprachlich und beruflich integrieren konnte. Sie besuchte Deutschkurse und liess sich zur Pflegehelferin ausbilden. Bereits während der Ausbildung wurde sie selbstbewusster und freute sich, ihren Kindern ein Vorbild sein zu können. Die Kinder wiederum konnten von der Sek C in die Sek B wechseln. Diese Begleitung schlossen wir nach fast zwei Jahren ab.

Der Vorteil meiner Wurzeln in Kosova und meiner Albanischkenntnisse ist, dass ich bei Klient:innen mit gleicher Herkunft wie ich die hauptsächlichen Problematiken kenne und schnell ihr Vertrauen gewinne. Aufgrund meiner interkulturellen Kompetenzen bilde ich eine Brücke zwischen den Klient:innen und den Institutionen. So ist eine rasche gemeinsame Bearbeitung der Kernprobleme möglich, um die Familie auf dem Weg in ihre Eigenständigkeit und Selbstverantwortung zu begleiten.«

Shefkije Aliu, Jahrgang 1970, in fester Partnerschaft, zwei erwachsene Töchter, drei Enkelkinder, lebt in Zürich. Um Kraft zu tanken, reist sie gerne, züchtet im Garten eigene Kräuter, joggt und pflegt ihr soziales, multikulturelles Netzwerk. Sie kam mit 18 Jahren aus Kosova, wo sie die Mittelschule abgeschlossen hatte, in die Schweiz. Hier ließ sie sich zur Paar- und Familientherapeutin und Migrationsfachperson ausbilden. Sie arbeitete mehrere Jahre für einen Mädchentreff sowie eine städtische Beratungsstelle für Migrant:innen und ihre Familien. Seit 2009 ist sie mit ihrer Einzelfirma SPF-Foleja (Foleja bedeutet auf Albanisch »Nest«) als Familienbegleiterin tätig. Seit 2012 ist sie Mitglied des Vereins Respekto, einem Zusammenschluss selbstständiger SPF-Fachpersonen.

Mehr zum Buch

 

Bildnachweis: © Illustrationen von Laila Defelice

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